Obstbäume veredeln: Kopulation, Okulation und Pfropfen Schritt für Schritt
- Das Edelreis liefert die Sorte, die Unterlage bildet Wurzel und Stammansatz und beeinflusst die Wuchsstärke.
- Kopulation bei gleich dicken Partnern, Hauptzeitfenster im Februar und März vor dem Austrieb.
- Okulation auf das schlafende Auge von Juli bis Anfang September, wenn die Rinde der Unterlage gut löst.
- Rindenpfropfen an Ästen ab 3 cm Durchmesser, meist von Mitte April bis Mitte Mai.
- Reis und Unterlage wachsen nur bei engem Kontakt ihrer Kambiumschichten zuverlässig zusammen.
- Nach etwa 4–6 Wochen bei angewachsener Veredelung den Bast aufschneiden.
Aus dem Kern deines Lieblingsapfels wächst nicht zuverlässig wieder dieselbe Sorte. Willst du eine Sorte erhalten oder einen Baum in passender Größe ziehen, lohnt es sich, Obstbäume selbst zu veredeln. Ich schneide dafür im Winter Reiser von Bäumen, deren Früchte ich weiter ernten will, und setze sie auf eine Unterlage, die zu meinem Platz passt. Damit die Verbindung hält, achte ich auf das Zeitfenster der jeweiligen Technik, auf glatte Schnitte und auf die Nachpflege zur rechten Zeit.
Was beim Veredeln passiert
Beim Veredeln verbindest du zwei Pflanzenteile zu einem Baum. Das Edelreis liefert die gewünschte Sorte. Die Unterlage bildet Wurzel und Stammansatz und beeinflusst, wie stark der Baum wächst. Als Edelreiser nimmst du einjährigeEinjährige, auch Annuelle genannt, sind Pflanzen, deren Lebenszyklus üblicherweise innerhalb eines Jahres beendet ist. Sie legen als Pflanze keine Ruhezeit ein, nur ihre Samen überdauern ungünstige Zeiten. Triebe der Sorte, die du vermehren willst.
Auf diesem Weg werden die meisten Obstsorten sortenecht erhalten, weil ihre SämlingeSämlinge sind junge Pflanzen, die durch Keimung aus dem Embryo eines Samens entstanden sind. Anders als Stecklinge oder veredelte Pflanzen gehen sie also aus einem Samen hervor. die Sorteneigenschaften nicht zuverlässig bewahren. Was dich erwartet, wenn du es trotzdem mit Kernen versuchst, steht im Ratgeber darüber, wie du Obstbäume aus Samen ziehst.
Reis und Unterlage wachsen nur dann zuverlässig zusammen, wenn ihre Kambiumschichten eng aneinanderliegen. Deshalb legst du beim Veredeln glatte Schnittflächen passend aufeinander.
Kambium nennt man die dünne Wachstumsschicht zwischen Rinde und Holz. Am glatten Schrägschnitt liegt sie als schmaler Rand direkt unter der Rinde.
Welche Unterlage passt zu deinem Baum?
Die Unterlage bestimmt wesentlich, wie groß dein Baum später wird. Sie beeinflusst außerdem seine Standfestigkeit und Wuchsstärke. Reis und Unterlage müssen eng verwandt sein, deshalb veredle ich Apfel auf Apfel und Kirsche auf Kirsche. Bei Birnen ist die Auswahl breiter, wie die Übersicht zeigt.
| Unterlage | Baumform | Das planst du ein |
|---|---|---|
| M27, M9, M26 beim Apfel | Buschbaum, Spindelbusch, kleines Spalier | zeitlebens eine Stütze, weil die Standfestigkeit nicht ausreicht |
| M26, MM106 beim Apfel | echter Säulenapfel im Kübel | die Sorte beeinflusst die endgültige Wuchsstärke mit |
| starkwüchsige Unterlage | Halb- oder Hochstamm | ausgewachsen etwa 8–10 m Kronenbreite als Planungsrichtwert |
| Quitte A, BA29 oder Adams bei der Birne | Birnbaum | häufig mit Zwischenveredelung |
| Pyrodwarf bei der Birne | Birnbaum | keine Zwischenveredelung nötig |
Eine Zwischenveredelung heißt, dass zwischen Unterlage und Edelsorte ein Stück einer weiteren Sorte sitzt. Ich kaufe Unterlagen nur mit Namen, damit ich weiß, wie stark der Baum wachsen wird.
Edelreiser schneiden und lagern
Für Veredelungen im Frühjahr schneidest du ausgereifte einjährige Reiser von gesunden Bäumen. Der Termin dafür liegt Ende Dezember bis Januar. Bis zum Veredeln lagerst du die Reiser kühl und frostfrei, ohne dass ihre Knospen austreiben. Ich wickle sie in leicht feuchtes Papier und lege sie im Beutel ins Gemüsefach des Kühlschranks.
Zwischen dem Schnitt im Winter und der Kopulation im Februar und März muss das Reis also ruhen bleiben, und genau dafür sorgt die kühle, frostfreie Lagerung. Vor dem Veredeln sehe ich nach, ob die Knospen noch geschlossen sind. Für die Okulation im Sommer brauchst du keine Winterreiser, denn dort setzt du ein frisch entnommenes Auge ein.
Reiser für den eigenen Garten schneide ich am eigenen Baum oder bei Nachbarn, die es mir erlauben. Willst du veredelte Bäumchen weitergeben oder verkaufen, frag vorher beim Züchter nach, ob die Sorte geschützt ist.
Werkzeug und sauberes Arbeiten
Für glatte Schnittflächen brauchst du ein scharfes, sauberes Messer. Eine stumpfe Klinge kann die Fläche ausfransen, und dann liegen die Kambiumschichten nicht mehr eng aneinander. Mein Messer schärfe ich vor der Saison und nutze es für nichts anderes.
Das liegt bei mir bereit, bevor ich anfange.
- scharfes Veredelungsmesser
- Gartenschere für Reiser und Unterlagen
- Bast oder Veredelungsband
- Veredelungswachs
- Etiketten und ein wasserfester Stift
Bei Feuerbrand können Scheren und Sägen den Erreger übertragen. Nach Arbeiten an befallenen Gehölzen desinfiziere ich die Werkzeuge deshalb mit 70 % Alkohol.
Welche Technik passt wann?
Welche Technik du wählst, hängt vom Durchmesser der Unterlage und von der Jahreszeit ab. Sind Reis und Unterlage gleich dick, kopulierst du. Ist die Unterlage ungefähr doppelt so dick, kommt der Geißfuß infrage. Dickere Äste pfropfst du hinter die Rinde, und im Sommer okulierst du.
| Technik | Zeitfenster | Voraussetzung |
|---|---|---|
| Kopulation | Februar und März, vor dem Austrieb | Unterlage und Reis gleich dick |
| Geißfuß | Februar oder März, in der Vegetationsruhe | Unterlage ungefähr doppelt so dick, Übung nötig |
| Rindenpfropfen | sobald die Rinde gut löst, meist Mitte April bis Mitte Mai | Äste ab 3 cm Durchmesser |
| Okulation auf das schlafende Auge | Juli bis Anfang September | frisch entnommenes Auge, gut lösende Rinde der Unterlage |
Kopulation Schritt für Schritt
Die Kopulation passt, wenn Unterlage und Reis gleich dick sind. Ihr Hauptzeitfenster liegt im Februar und März, bevor die Unterlage austreibt.
- Schneide Unterlage und Reis mit je einem glatten Schrägschnitt von 3–4 cm Länge an. Beide Flächen sollen deckungsgleich sein.
- Zieh das Messer dabei in einem Zug durch und fass die Schnittflächen danach nicht mehr an.
- Leg die Flächen so aufeinander, dass die Kambiumschichten eng aneinanderliegen. Bei gleicher Dicke schließt die Rinde dann rundum bündig ab.
- Binde die Verbindung mit Bast oder Veredelungsband fest.
- Deck die Verbindung mit Veredelungswachs ab. Die Zugaugen bleiben frei.
Bei der verbesserten Kopulation schneidest du zusätzlich eine kleine Zunge in beide Schrägflächen. Die Zungen greifen ineinander, sodass die Teile beim Binden weniger verrutschen.
Das Wachs landet auch auf den Knospen. Deck nur die Verbindung ab, die Zugaugen bleiben frei.
Okulation auf das schlafende Auge
Beim Okulieren setzt du nur ein einzelnes Auge der Edelsorte ein. Das geht von Juli bis Anfang September, wenn sich die Rinde der Unterlage gut löst. Schlafend heißt: Das Auge wächst an, treibt aber erst im folgenden Frühjahr aus.
- Schneide das Reis der gewünschten Sorte erst am Veredelungstag, damit das Auge frisch ist.
- Setz in die Rinde der Unterlage einen T-förmigen Schnitt und löse die Rindenränder vorsichtig, ohne das Holz zu verletzen.
- Schneide das Auge mit einem schildförmigen Rindenstück aus dem Reis.
- Schieb das Schild von oben in den T-Schnitt, bis es ganz unter der Rinde sitzt.
- Verbinde die Stelle mit Bast und lass das Auge selbst frei.
Ob die Rinde schon löst, prüfe ich vorher mit einem kurzen Probeschnitt an der Unterlage. Treibt das Auge im Frühjahr aus, schneide ich die Unterlage oberhalb der Veredelung ab.
Geißfuß für dickere Unterlagen
Der Geißfuß eignet sich, wenn die Unterlage ungefähr doppelt so dick ist wie das Reis. Du veredelst während der Vegetationsruhe im Februar oder März. Dabei schneidest du seitlich einen keilförmigen Ausschnitt in die Unterlage und schneidest das Reis so zu, dass es genau hineinpasst. Die Technik setzt Übung voraus. Deshalb probiere ich Kerbe und Keil zuerst an Rückschnittholz aus, bevor ich an die Unterlage gehe.
Rindenpfropfen und Umveredeln älterer Bäume
Rindenpfropfen eignet sich für Äste ab 3 cm Durchmesser. Du pfropfst, sobald die Rinde gut löst, meist von Mitte April bis Mitte Mai. Das Reis schneidest du einseitig schräg an und schiebst es zwischen Rinde und Holz des zurückgeschnittenen Astes. Danach bindest du die Verbindung fest und deckst sie mit Veredelungswachs ab, wobei die Zugaugen frei bleiben.
So lässt sich ein älterer Baum auf eine andere Sorte umveredeln, ohne ihn zu fällen. Die Reiser setze ich dafür auf kräftige, gesunde Äste. Auf dieselbe Weise kann ein Apfelbaum auch mehrere Apfelsorten tragen. Dafür wähle ich Sorten mit ähnlichem Wuchs, damit keine die anderen überwächst.
Nachpflege der Veredelungsstelle
Nach etwa 4–6 Wochen siehst du nach, ob die Veredelung angewachsen ist. Ich achte dabei darauf, ob Reis oder Auge frisch aussehen. Ist die Veredelung angewachsen, schneidest du den Bast auf, damit er nicht einschnürt. Am Pfropfkopf entfernst du außerdem konkurrierenden Austrieb der alten Sorte. Triebe, die unterhalb der Veredelungsstelle aus der Unterlage kommen, nehme ich weg, sobald ich sie entdecke. Bei jungen Obstbäumen kontrollierst du Anbindung und Verbissschutz mehrmals im Jahr.
An jede Veredelung hänge ich gleich ein Etikett mit Sorte, Unterlage und Datum. So weiß ich bei der Kontrolle, wann die Wochen um sind und was dort wächst.
Wenn du den Baum später auspflanzt, bleibt die Veredelungsstelle mindestens 10 cm über der Bodenoberfläche, damit die Edelsorte keine eigenen Wurzeln bildet. Weil die Unterlage die spätere Baumgröße wesentlich bestimmt, verliert ein zu tief gesetzter Baum sonst genau die Wuchseigenschaft, für die du sie ausgesucht hast. Termin, Grube und Abstand findest du im Abschnitt zur Pflanzung von Obstbäumen.

